Einblicke in die Parallelwelt

Es stellt sich die Frage, welche Reaktionen es hervorrufen würde, wenn ein autochtoner Europäer diese Dinge sagen würde. Es stellt sich zudem die Frage, warum manche dieser Leute hier sind, wenn sie doch die hiesige Kultur nicht mögen, und an ihrer eigenen selbst nach Generationen weitgehend kompromisslos bewahren wollen. Na?

Dank und Links am Ende des Artikels, hier nur soviel: Ich habe eine englische Übersetzung eines dänischen Interviews genommen und ins deutsche übersetzt. Der eine oder andere “Stille Post”-Effekt mag sich eingeschlichen haben, im großen und ganzen dürfte aber auch diese zweite Übersetzung die Grundstimmung klar wiedergeben:

“Neu-Dänin”  im Landesweiten Radio: “Ihr könnt mich nicht zwingen, mit euch zu leben, unsere Art zu denken ist anders.”

Diese Woche hat  Dänemarks staatliches Radio den Schwerpunkt “Ghetto” als Aufmacher. Die Sendung vom Dienstag anzuhören lohnt sich, falls Sie noch immer denken, das es bei Ghettos um sozial-ökonomische Themen geht. Die Interviewte war ein 18-jähriges Mädchen aus Gellerup [ein kulturbereicherter Stadtteil von Arhus], geboren in Dänemark aber geistig im Libanon “zuhause”. Sie schien das nicht als Problem zu sehen -  Entmischung schien im Gegenteil ein Ziel an sich zu sein.

26.10.2010 – “Apropos”, P1 “Ghetto und Identität” (Interview mit Iman Rabeh aus Gellerupparken).

Mikkel Krause, P1: Zu Gast ist Iman Rabeh, die 18 Jahre als ist und ihr ganzes Leben in Gellerupparken verbracht hat. Sag, was denkst Du, wie war es, in Gellerupparken zu leben?

Iman Rabeh, Gellerup: Nun, Gellerupparken, das war und ist mein Leben, es ist – alle meine Freunde, denn überall in Gellerupparken gibt es gute und schlechte Erinnerungen, aber, wissen sie, ich kann Gellerup nicht verlassen.

Mikkel Krause, P1: Aber welches sind die Werte in dem was wir nun Ghetto nennen, was ist daran wichtig für dich?

Iman Rabeh: Nun, der Wert ist diese Gemeinschaft… dass wir alle die gleiche Sprache verstehen, die wir alle sprechen, das wir zusammenhalten, weißt Du, mein Nachbar – alle meine Nachbarn sind Araber, und wenn sie keine Araber sind, sind sie Libanesen, und wenn sie keine Libanesen sind, dann sind sie – wir haben diese Liebe füreinander, du bist ein Araber, ich bin ein Araber, wir können miteinander reden, wir können alles diskutieren, wir kommen aus  anderen Ländern….

Mikkel Krause: Aber was bedeutet es Dir, speziell das du aus Gellerupparken kommst, also das du Iman aus dem Ghetto bist anstatt Iman aus Vejby oder wo immer sonst du herkommen könntest?

Iman Rabeh: Oh, es bedeutet mir alles! Denn wenn ich in eine dänische Gegend ziehen würde, das würde mir nicht soviel bedeuten denn die Sprache ist das eine, weißt du, Dänen als solche, sie sind nicht wie wir, sie – in allem haben wir unterschiedliche Gepflogenheiten, wir haben unterschiedliche – du weißt schon, wir sind anders und denken anders. Zum Beispiel unsere Nachbarn, wenn ich mir etwas ausleihen will mache ich das einfach. Überhaupt, in allem, du bist ein Araber, ich bin ein Araber, wir geben uns manche Sachen, es macht uns nichts aus.

Mikkel Krause: Du hast offen gesagt, daß wenn du eines Tages Gellerup verlassen solltest, und vielleicht wirst du gezwungen sein Gellerup zu verlassen weil sie den Wohnblock abreissen wollen oder sonstwas, daß Du dann einfach in ein anderes Ghetto ziehen würdest.

Iman Rabeh: Ja, richtig. Ich würde in ein anderes Ghetto ziehen.

Mikkel Krause: Aber warum würdest du das tun?

Iman Rabeh: Nun ich kann nicht – ich habe mein ganzes Leben mit – also, lass uns eine andere Frage stellen – warum gehen wir jedes Jahr in den Libanon? Ich mache das nicht immer, aber die beiden letzten Jahre war ich da. Aber alle anderen, warum geben sie hunderttausende Kronen aus um jedes Jahr in den Libanon zu reisen? Ich frage mich warum? Um zu reden, zusammenzusitzen, die Sprache zu hören, um zu hören, um in der Lage zu sein zu sagen “dies ist mein”, du hast das gute Gefühl das das du bist. Es ist meins! Deshalb macht es Sinn.

Mikkel Krause: Aber sagen wir, du würdest die Straße entlanglaufen, um drei Uhr nachts, ich weiss nicht ob du das jemals machst, aber wo würdest du dich am sichersten fühlen? Im Zentrum von Arhus oder draußen in Gellerupparken?

Iman Rabeh: Im Ghetto, in Gellerupparken. Weil wir uns alle kennen, keiner würde dem anderen etwas antun. Aber wenn ich in einem dänischen Gebiet wäre, würde ich mich unsicher und ängstlich fühlen.

Mikkel Krause: Wir können sagen, daß in der Ghetto-Debatte schrecklich viel darüber diskutiert wurde, wie Ghettos als Parallelgesellschaften funktionieren, als abgeschlossene Gegenden. Was du da sagst, das Bild das du zeichnest, ist das nicht eine Art Bestätigung für diese Ansicht?

Iman Rabeh: Möglich, aber nein – alle Dänen sind willkommen, nach Gellerup zu kommen und mit uns zu leben, aber wenn ich da zum Beispiel alleine rumlaufe dann würde da kein… dann wäre ich 100% sicher das niemand mit einem Finger berühren würde, oder meine Handtasche oder mein Fahrrad stehlen würde, denn ich bin eine von “ihnen”. Weißt du, wir kennen uns alle, wir würden das nie tun.

Mikkel Krause: Deine Eltern, wieviel Kontakt haben Deine Eltern mit Dänen ausserhalb des Ghettos, oder auch mit Dänen innerhalb Gellerupparkens, und mit der dänischen Gesellschaft allgemein während deiner Kindheit und Jugend?

Iman Rabeh: Überhaupt keinen Kontakt. Sie haben keine dänischen Freunde oder Bekanntschaften, alles was ihnen bleibt sind die Schulen; wenn sie zu Schulfeiern eingeladen werden gehen sie wegen meinem Bruder oder meiner Schwester, weißt du, wie auch immer. Oder die lokale Verwaltung [Sozialamt], sie haben Kontakt mit der Verwaltung usw., aber sie haben keine Freundschaften mit Dänen, wie zum Beispiel wenn ein Däne meine Mutter fragen würde: “Lass uns heute abend ausgehen!”. Meine Mutter würde denken: “Du musst verrückt sein – du willst das ich abends ausgehe, zum Essen oder so was? Das mache ich  mit meiner Familie, das würde ich nicht mit Freunden machen.” Oder ins öffentliche Schwimmbad zu gehen, zum Beispiel, meine Eltern würden dies nie tun, nicht einmal daran denken. Das Problem ist, das meine Eltern diese tausend Jahre alte, Generationen alte Art zu denken haben, von unseren Ur-Ur-Ahnen. Sie folgen dieser Tradition, und natürlich folgen die Dänen ihrer Kultur.

Mikkel Krause: Aber was hat das für die Beziehung deiner Eltern zur dänischen Gesellschaft bedeutet? Die Tatsache das sie sich hier nie verankert gefühlt haben, und keinerlei signifikanten Kontakt mit Dänen haben?

Iman Rabeh: Es bedeutet das sie uns, die wir hier geboren und aufgewachsen sind, nicht verstehen  können. Wenn ich meiner Mutter erzähle, daß ich um 18 Uhr mit einer Freundin einfach nur essen gehe, oder ins Kino, dann würden sie das nicht verstehen, denn sie denkt so daß sie [Mutter] das niemals tun würde, es sei denn ich würde mit der Familie gehen, das wäre etwas völlig anders. Weist du, ich gehe ja nicht aus um etwas falsches/schlechtes zu tun, ich gehe einfach nur essen und ins Kino.

Mikkel Krause: Es gibt also einen großen Unterschied zwischen dem Kontakt deiner Eltern zur dänischen Gesllschaft und wie sie interagieren, und deinem eigenen.

Iman Rabeh: Ja, das stimmt – ein großer Unterschied.

Mikkel Krause: Eine der möglichen Lösungen des Ghettoproblems, über die Politiker reden, ist die Ghettos aufzulösen, indem man die Leute zwingt sich zu mischen. Mit anderen Worten: Mehr Dänen in Gellerupparken anzusiedeln, zum Beispiel, und mehr Einwanderer in die allgemeine Gesellschaft. Was würde das für dich und deine Familie bedeuten?

Iman Rabeh: Das können wir nicht machen, genau wie du und ich nicht entscheiden können, wo andere Leute leben sollen, das können wir für uns selbst entscheiden. Niemand kann uns zwingen, auszuziehen.

Mikkel Krause: Was würdest du tun wenn sie es versuchen sollten?

Iman Rabeh: Oh, wenn sie dies tun würden würde ich rebellieren – wo ist die Meinungsfreiheit über die ihr redet. Was genau ist das? Ich entscheide wo ich lebe… wenn ihr mich zwingen wollt mit Dänen zu leben dann würden ich gerne mit Pia Kjaersgaard leben, zum Beispiel.

Mikkel Krause: Es gibt noch eine andere viel diskutierte Lösung, nämlich einige der Wohnblöcke in Gellerupparken abzureißen. Was hälst du von einer solchen Lösung?

Iman Rabeh: Überhaupt nichts. Das ist die falsche Lösung. Ihr solltet etwas bauen anstatt etwas abzureißen. Ihr könntet es verschönern, aber warum würden ihr es niederreißen? Dafür gibt es keinen Grund.

Mikkel Krause: Vielen Dank fürs vorbeikommen, Iman Rabeh.

Iman Rabeh: Danke für die Einladung.

Hervorhebungen von Kim Moller, Uriasposten.

Das Interview aus dem dänischen staatlichen Rundfunk erschien auf Uriasposten.

Urspüngliche Übersetzung ins Englische: Anne-Kit aus Perth, Australien

Gefunden auf GatesOfVienna.

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche: Markus von zivilisationscourage.net

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2 Responses to “Einblicke in die Parallelwelt”


  1. Cyrus

    Das ist ja wohl die Oberhärte;

    …Iman Rabeh: Möglich, aber nein – alle Dänen sind willkommen, nach Gellerup zu kommen und mit uns zu leben,…

    Das ist doch sehr “nett”, das Fräulein Rebeh nichts dagegen hat, bzw. es befürwortet, das Dänen gern nach Gellerup kommen können.
    Hätte noch gefehlt das sie sagt, das Dänen sich gern bei uns intigrieren können.

    Die realisieren überhaupt nicht mehr das SIE in einem Gastland sind.

    Aber wer weis wozu das mal gut sein könnte das dieses Pack sich Ghettoisiert hat.
    Ich will da jetzt nicht weiter drauf eingehen.
    Gruß, Cyrus

  2. Markus

    Hallo Cyrus,

    das die umgedrehte “alle willkommen bei uns”-Sichtweise auch bei nicht besonders religiösen Einwandern aus dem islamischen “Kulturkreis” “ganz normal” ist, kommt bei diesem Interview gut heraus.

    “Pack” aber klingt in diesem Zusammenhang zu pauschal in meinen Ohren. Sie schien keine Waffe unter dem Bett zu haben, und ich fand ihre Äusserungen auch nicht Hasserfüllt. Auch das ist m.E. ein wichtiger Aspekt des Interviews.

    Das hilft natürlich nur beschränkt, weil sich mit der selbstgewählten Segregation fast automatisch auch ein Nistplatz für immer radikalere Kräfte ausbildet, d.h. das Problem muss angegangen werden, selbst wenn es nicht jedem passt.

    Offenbar findet in Dänemark zumindest eine Debatte darüber statt.